Es gab eine Zeit, in der sie jeden Morgen aufwachte und nicht wusste, warum.
Nicht im wörtlichen Sinne. Sie wusste, wie sie hieß. Sie wusste, welcher Wochentag war. Sie wusste, dass sie aufstehen, sich anziehen und funktionieren musste.
Aber wohin sie eigentlich wollte, wusste sie nicht mehr.
Früher hatte sie einen Plan gehabt. Einen großen sogar. Sie hatte geglaubt, das Leben würde irgendwann eine Richtung bekommen, wenn sie nur lange genug durchhielt.
Doch irgendwann hatte sie aufgehört, nach der Richtung zu suchen.
Stattdessen war sie einfach weitergelaufen.
An einem kalten Novemberabend saß sie schließlich auf einer Bank am Rand eines kleinen Parks. Die Straßenlaternen spiegelten sich in den Pfützen, und die Stadt rauschte an ihr vorbei, als würde sie zu einem Leben gehören, das nichts mit ihrem zu tun hatte.
Sie zog ihr Handy aus der Tasche.
47 ungelesene Nachrichten.
Nahezu keine davon fühlte sich wichtig an.
Sie sperrte den Bildschirm wieder.
„Du siehst aus, als hättest du dich verlaufen.“
Sie sah auf.
Neben ihr stand ein alter Mann mit einem roten Regenschirm.
„Hab ich auch“, sagte sie.
Er lächelte.
„Dann bist du ja schon weiter als die meisten.“
Sie musste lachen. Nur ganz kurz.
„Wie meinen Sie das?“
Der Mann setzte sich neben sie.
„Die meisten Menschen tun so, als wüssten sie genau, wo sie hinwollen. Dabei haben sie oft nur Angst zuzugeben, dass sie keine Ahnung haben.“
Sie schwieg.
Der Regen wurde stärker.
„Und was macht man, wenn man sich verlaufen hat?“, fragte sie schließlich.
Der Mann deutete auf den Weg vor ihnen.
„Man bleibt stehen.“
Sie sah ihn verwirrt an.
„Aber wenn ich stehen bleibe, komme ich doch erst recht nicht weiter.“
„Vielleicht musst du gerade gar nicht weiter.“
Sie schaute auf ihre Hände.
Zum ersten Mal seit langer Zeit erlaubte sie sich, nicht stark zu sein. Nicht zu wissen. Nicht sofort eine Antwort finden zu müssen.
Sie weinte.
Nicht dramatisch. Einfach still.
Der Mann sagte nichts.
Er blieb nur sitzen.
Und irgendwie war genau das genug.
Als der Regen nachließ, stand sie auf.
„Und jetzt?“
Der Mann zeigte auf eine kleine Straße hinter dem Park.
„Geh erstmal da lang.“
„Wo führt die hin?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung.“
Sie lächelte.
Sie ging.
Nicht, weil sie plötzlich wusste, wohin.
Sondern weil sie verstanden hatte, dass man nicht immer den ganzen Weg sehen muss.
Manchmal reicht der nächste Schritt.
Dann ging sie spazieren.
Rausfinden bedeutet nicht, plötzlich wieder zu wissen, wer man ist.
Es bedeutet, sich selbst Stück für Stück wiederzufinden.
In kleinen Entscheidungen.
In Menschen, die bleiben.
In Momenten, in denen man wieder lacht.
Und manchmal auch darin, nachts auf einer Parkbank zu sitzen und endlich zuzugeben:
Ich bin verloren.
Denn vielleicht ist das gar nicht das Ende der Geschichte.
Vielleicht ist es der erste ehrliche Satz, mit dem ein neuer Weg beginnt.
Oh, diese Geschichte wird mir im Herzen bleiben. ..weil es kein Stillstand ist, sondern Anlauf nehmen.💛